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Rechtswissenschaftliche Fakultät Lehrstuhl Alonso

Jurastudium im 4. Jh. n. Chr.: Die verschollene Handschrift von Autun

SeminarFS20

(Vst.-Nr. 1009)

Beschreibung

1898 wurde in der Bibliothek des Seminars von Autun (Frankreich) eine überraschende Entdeckung gemacht: Zwischen den Zeilen eines mittelalterlichen religiösen Textes konnte man die gelöschten Zeilen eines viel älteren Buches erahnen. Ein mysteriöser lateinischer Text, den jemand versucht hatte, auszuradieren, dessen Tinte sich aber Jahrhunderte später weigerte, zu verschwinden.
Als die Überreste des Textes entziffert werden konnten, wurde den Forschern klar, dass sie ein völlig ungewöhnliches Dokument vor sich hatten: Die Klassennotizen eines Jurastudenten aus dem vierten Jahrhundert n. Chr.
Die Entdeckung war aus mehreren Gründen bedeutsam: Zum einen stellte sie ein einzigartiges Dokument dar, um zu erfahren, wie die jungen Juristen der Spätantike gebildet wurden; zum anderen erlaubten es die Aufzeichnungen des Studenten, einige Textteile des populärsten Rechtshandbuchs seiner Zeit, der berühmten Gaius-Institutionen, zu rekonstruieren.
Am wichtigsten war aber die überraschende Nachricht, die diese Notizen enthüllten und die bis dahin nicht bekannt war: Die abschreckende Rechtsinstitution, durch die die Eltern die Leiche ihrer eigenen Kinder oder Teile davon, wenn diese ein Verbrechen begangen hatten, dem Beschädigten aushändigen konnten... Eine Geschichte, die uns in eine dunkle Welt von Magie, Aberglauben und Recht führt. 
Dieses Seminar bietet die Möglichkeit, die Erfahrung der Entdeckung des Manuskripts und die Herausforderung, die seine Entzifferung bot, noch einmal zu erleben; aus erster Hand zu erfahren, wie Sie Recht studieren würden, wenn Sie im 4. Jahrhundert n. Chr. leben würden, und zu lernen, wie moderne Rechtshistoriker Rechtsinstitutionen der Vergangenheit rekonstruieren: Sie werden versuchen, anhand direkter Arbeit an den antiken Quellen selbst einige der dunkelsten und überraschendsten Passagen des Manuskripts zu erklären.

 

Die auf 12 Teilnehmer*innen beschränkte Veranstaltung steht sowohl Bachelor- als auch Masterstudierenden offen und findet am 23./24. April 2021 an der UZH statt. 
Sowohl Primärquellen (und deren Übersetzung) als auch Literatur werden den Teilnehmenden zu ihren jeweiligen Themen vom Lehrstuhl zur Verfügung gestellt. Der Leistungsnachweis besteht wie üblich im Verfassen einer eigenständigen Arbeit (Bachelor / Master) im Umfang von 15-20 Seiten*, der Präsentation der Ergebnisse am Seminar und der aktiven Teilnahme am Seminargespräch. Die Ausgestaltung der schriftlichen Arbeit kann wahlweise auf Deutsch oder Englisch erfolgen. 

 

Themenliste:

Thema 1: Ein juristischer Bestseller und ein mysteriöser Autor: Gaius’ Institutionen

Thema 2: Das Recht in einer zusammenbrechenden Welt: Römisches Recht in der westlichen Spätantike

Thema 3: Die Juristen halten die Fackel hoch: Rechtsliteratur in der westlichen Spätantike

Thema 4: Jurastudium in einer untergehenden Welt: Rechtsbildung und Rechtskultur in der westlichen Spätantike

Thema 5: Wenn ich für die Verbrechen anderer bezahle: Väterliche Haftung für Verbrechen der Gewaltun-terworfenen

Thema 6: Gefahr! Freie Tiere: Tierhalterhaftung im römischen Recht

Thema 7: Der befreiende Tod: Väterliche Deliktshaftung und Tod des Täters

Thema 8: Wenn es kein Zurück mehr gibt: Rechtslageänderung nach der Litiskontestation

Thema 9: Diskussionen bei offenem Grab: Die Leiche als res religiosa

Thema 10: Kann ich mit Toten verhandeln? Leiche und Rechtsverhältnisse

Thema 11: Wenn das Recht erstaunt: Körperteile, Religion, Magie, Recht

Thema 12: Das Jenseits regulieren: Begräbnispflicht, zwischen Recht und Religion
 

Leistungsnachweis:

 
Einzelheiten enthält das Merkblatt zum Seminar FS21.
Das Seminar steht sowohl Bachelor- als auch Masterstudierenden* zur Verfügung.
 
* Im Rahmen dieses Seminars kann auch eine Masterarbeit in grösserem Umfang verfasst werden. In diesem Falle benutzen Sie bitte die Anmeldemaske für Masterarbeiten, die Anzahl der geforderten Seiten für die entsprechenden ECTS entnehmen Sie bitte den Angaben in der Anmeldemaske.
 
Datum
23./24. April 2021
Modul Siehe
Teilnahme und Info
Zum Vorgang und für weitere Informationen beachten Sie bitte unbedingt die Angaben hier im: Merkblatt zum Seminar FS21 (PDF, 245 KB).
 
Den Link zum Zoom-Meeting für die Vorbesprechung des Seminars FS21 finden Sie in folgendem Dokument (PDF, 25 KB)
 
Bei Fragen und zur Anmeldung wenden Sie sich bitte via E-Mail an: lst.alonso@rwi.uzh.ch
 

Die Teilnahme am Seminar ist nach einer Anmeldung grundsätzlich verbindlich.

Prof. Dr. José-Domingo Rodríguez Martín

Bild von José Domingo Rodriguez Martin

José-Domingo Rodríguez Martín ist seit 2007 ausserordentlicher Professor für römisches Recht an der Universidad Complutense de Madrid und seit 2003 Forscher der Alexander-von-Humboldt-Foundation. Er erwarb die Universitätsabschlüsse in Jura und Klassischer Philologie und promovierte im römischen Recht. Seine Ausbildung erwarb Prof. Rodríguez Martín in Madrid (Complutense) und in München (Ludwig-Maximilians-Universität). Er hat in Padua, Salzburg und Wien geforscht und ist Gastprofessor an der Universität Heidelberg und Prodekan an der Juristischen Fakultät der Universität Complutense gewesen. Sein Hauptforschungsinteresse ist das Studium der materiellen Grundlagen antiker Rechtsquellen. Er hat Bücher und Aufsätze auf verschiedenen Gebieten wie der juristischen Papyrologie, der byzantinischen Rechtslexikographie oder der lateinischen Paläographie veröffentlicht und mehrere Quellen des römischen Rechts ins Spanische übersetzt. 2020 wurde Prof. Rodríguez Martín auf eine Professur für Römisches Recht und Privatrecht an der Universität Wien berufen.