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Rechtswissenschaftliche Fakultät Lehrstuhl Alonso

Rechtspluralismus in der Antike: Die Bittschrift der Dionysia

Seminar HS21

(Vst.-Nr. 3592)

Beschreibung

Im Juni 186 n. Chr. erhielt eine griechisch sprechende Frau aus der ägyptischen Stadt Oxyrhynchos eine Mitteilung über eine schockierende Beschwerde, die ihr eigener Vater vor dem römischen Statthalter gegen sie eingereicht hatte. Ein Geldstreit zwischen den beiden war in den vergangenen Jahren so eskaliert, dass ihr Vater nun ihre Ehe auflösen und sie gegen ihren Willen von ihrem Mann trennen wollte. Die Gesetze der Ägypter, so argumentierte er, gewährten dem Vater dieses Recht. Als letztes Mittel, so führte er weiter aus, müsse er jetzt von diesem Recht Gebrauch machen. Nur so würden die Anmassungen seiner Tochter – und die angeblichen Drohungen ihres Mannes – ein Ende finden.

Der Name der Frau war Dionysia, ihr Vater war Chairemon, ein lokaler Würdenträger: Es handelte sich um eine reiche Familie, fest verankert in der griechischsprachigen Elite von Oxyrhynchos. Ihr Streit ist uns nur deshalb bekannt, weil sich Dionysia von ihrem Vater nicht einschüchtern liess und entschied, sich zur Wehr zu setzen. Sie richtete kurzerhand eine eigene Bittschrift an den römischen Statthalter. Daraus entstand ein monumentaler Text, in dem der ganze Konflikt zusammengefasst und zu ihrer Verteidigung eine grosse Sammlung von Präzedenzfällen und Edikten früherer römischer Statthalter sowie Meinungen von Experten beigefügt wurde.

Dieser Text, die sogenannte Bittschrift der Dionysia, ist eine der wichtigsten Urkunden, die aus dem römischen Ägypten bis heute erhalten geblieben sind. Das imposante Schriftstück, neun Kolumnen auf Papyrus, wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts bei den Ausgrabungen des Egypt Exploration Fund in Oxyrhynchos entdeckt und 1899 von zwei Gründervätern der Papyrologie, Bernard P. Grenfell und Arthur S. Hunt, herausgegeben.

Die alten Traditionen der Ägypter, verwurzelt in einer Jahrtausende alten pharaonischen Kultur, die Sitten und Gesetze der zahllosen Griechen, die mit Dionysias Vorfahren nach Ägypten kamen – als das Land von Alexander dem Grossen erobert wurde –, die neuen Regeln, die die nun regierenden Römer mitbrachten, all diese Rechtsschichten bestimmten den Alltag im Ägypten des zweiten Jahrhunderts. Dionysias Bittschrift beleuchtet ihr Zusammenspiel wie kein anderes Dokument seiner Zeit.

Von den neun Kolumnen der Bittschrift edierten Grenfell und Hunt nur fünf. Dank einer Kooperation zwischen der Universität Zürich und der Universität Warschau wird nun der gesamte Text in einer neuen Ausgabe ediert und ans Licht gebracht. Dieses Seminar bietet den Studierenden der Universität Zürich die einzigartige Möglichkeit, erstmalig in die Interpretation des vollständigen Dokuments einzutauchen. Dadurch gewinnen wir einen unmittelbaren Einblick in die rechtliche Vielfalt des Landes und das Leben und die Kämpfe einer Frau im Ägypten des 2. Jh. n. Chr. 

 

Die auf 12 Teilnehmer*innen beschränkte Veranstaltung steht sowohl Bachelor- als auch Masterstudierenden offen und findet am 26./ 27. November 2021 an der UZH statt. 
Sowohl Primärquellen (und deren Übersetzung) als auch Literatur werden den Teilnehmenden zu ihren jeweiligen Themen vom Lehrstuhl zur Verfügung gestellt. Der Leistungsnachweis besteht wie üblich im Verfassen einer eigenständigen Arbeit (Bachelor / Master) im Umfang von 15-20 Seiten*, der Präsentation der Ergebnisse am Seminar und der aktiven Teilnahme am Seminargespräch. Die Ausgestaltung der schriftlichen Arbeit kann wahlweise auf Deutsch oder Englisch erfolgen. 

 

Themenliste:

Thema 1: Väterliche Macht über die Tochter im ägyptischen, griechischen und römischen Recht

Thema 2: Die "Herausgabe" der Braut und das  Zustandekommen der Ehe im griechisch-römischen Ägypten

Thema 3: Ein ungelöstes Rätsel: "Geschriebene" und "ungeschriebene" Ehe im römischen Ägypten

Thema 4: Die Stellung der Ehefrau im altägyptischen Recht

Thema 5: Bis dass der Tod uns scheidet: Erbrechtliche Vereinbarungen in Eheverträgen

Thema 6: Veräusserungsbeschränkungen im römischen Besitzarchiv 

Thema 7: Grenzen der Testierfreiheit im griechisch-römischen Ägypten

Thema 8: Familienrechtliche Veräusserungsbeschränkungen in den Papyri

Thema 9: Leibrenten in der ägyptischen und der griechischen Tradition

Thema 10: Die normative Geltung von Präzedenzfällen im römischen Ägypten

Thema 11: Publikation, Archivierung und öffentlicher Zugang zu den Rechtsquellen im römischen Ägypten

Thema 12: Rechtsexperten im östlichen Kaiserreich

 

Leistungsnachweis:

Einzelheiten enthält das Merkblatt zum Seminar HS21.
Das Seminar steht sowohl Bachelor- als auch Masterstudierenden* zur Verfügung.
 
* Im Rahmen dieses Seminars kann auch eine Masterarbeit verfasst werden. In diesem Falle benutzen Sie bitte die Anmeldemaske für Masterarbeiten. Ab dem HS21 kann nur noch eine Masterarbeit im Umfang von 12 ECTS verfasst werden.
 
Datum
26./ 27. November 2021
Modul K.A.
Teilnahme und Info
Zum Vorgang und für weitere Informationen beachten Sie bitte unbedingt die Angaben hier im: Merkblatt (PDF, 11 MB) 
 
Bei Fragen und zur Anmeldung wenden Sie sich bitte via E-Mail an: lst.alonso@rwi.uzh.ch
 

Die Teilnahme am Seminar ist nach einer Anmeldung grundsätzlich verbindlich.

Hunt und Grenfell
Grenfell und Hunt in Oxyrhynchos (1899)